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Gehört Haftbefehl in den Unterricht?

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Offenbacher Schüler wollen, dass Texte und Leben des Rappers Haftbefehl im Unterricht behandelt werden. Der Musiker spreche wie sie, er sei kein Randphänomen. Das Kultusministerium ist wenig begeistert und lehnt die Initiative ab. Zu Unrecht?


Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind“ – sehr viele Menschen kennen diese Verse von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Deutschunterricht, manch einer musste sie auswendig lernen. Das soll auch so bleiben, finden Politiker und Pädagogen, die für die aktuellen Lehrpläne zuständig sind; große klassische Autorinnen und Autoren seien für die Bildung wichtig. Offenbacher Schüler haben da eine ganz andere Idee: Sie wollen sich mit Haftbefehl befassen, dem Rapper aus ihrer Heimatstadt. 

 

„Kulturelle DNA unserer Stadt“

Haftbefehl, schreibt rohe und harte Rap-Texte, in denen es um Gewalt, Benachteiligung, Auflehnung, aber auch um Drogenkonsum und -handel, um persönliche Krisen und Abstürze geht. Seine Sprache enthält Elemente aus dem Englischen, Türkischen, Arabischen oder Zazaischen – und könnte derber kaum sein. „Teil der kulturellen DNA unserer Stadt und unserer Generation“, nennt der Offenbacher Stadtschulsprecher Luca Dobrita das gegenüber der HR-Hessenschau. Haftbefehl zeige, wie Jugendliche heute denken und sprechen. Und da Schule ein Ort der Lebensrealität sein sollte, gehöre er in den Unterricht. Man kann ihn, so Dobrita, auch nicht als Randphänomen abtun, denn es geht bei ihm um Identität, Zugehörigkeit und Bildungsgerechtigkeit – um zentralste Themen also.

 

„Politisch fragwürdig“

Das Hessische Kultusministerium ist komplett anderer Meinung. Haftbefehl zeige „politisch fragwürdige Positionen“, seine Neigung zu Gewaltfantasien, Sexismus und Antisemitismus stehe nicht „im Einklang mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag, den die Schulen erfüllen.“ In Wiesbaden erteilt man dem Wunsch, Haftbefehl im Unterricht zu behandeln, eine klare Absage.

 

„Als Lehrer muss ich das aufgreifen“

Diese Haltung wird aber bei weitem nicht von allen Lehrkräften geteilt. Schon gar nicht von Nicolas Schmelzer, der an der Wilhelm-Heinrichvon- Riehl-Schule, einer integrierten Gesamtschule in Wiesbaden, unterrichtet. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk berichtete er, dass praktisch alle seine Schülerinnen und Schüler die Netflix-Doku Babo - Die Haftbefehl-Story gesehen hätten. Viele junge Leute würden sich mit dem Rapper identifizieren, weil seine Biografie so viele Anknüpfungspunkte zum eigenen Leben bietet. Es geht um das Erleben von struktureller Benachteiligung und um das Gefühl, sich „gegen die da oben“ durchsetzen zu müssen. Wenn jemand so populär – und so polarisierend – wie Haftbefehl sei, dann „muss ich als Lehrer das aufgreifen“.

Es sei wichtig, sich kritisch mit einem Musiker auseinanderzusetzen, der für viele längst ein Vorbild sei. Schmelzer verdeutlicht das am Thema des Antisemitismus, der in Haftbefehls Texten in der Tat nicht zu kurz kommt. Im Song 069 heißt es unter anderem: „06-069, Cho / Rothschild- Theorie, jetzt wird ermordet / Azzlack, öffne die Höll'npforten …“) Hier geht es um das alte Stereotyp von der jüdischen Weltkontrolle – und darüber müsse man mit den Schülern reden. Sie hätten oft einen unreflektierten Zugang zu den Texten, würden einfach ihre Wut herausschreien und den Song mitsingen. Sie reagierten erstaunt, wenn man sie auf die Bedeutung der Zeilen hinweist. „Wenn wir uns jetzt hinstellen und sagen, das passt nicht in die Schule, dann riskieren wir, dass diese unreflektierten Sichtweisen weiter reproduziert werden.“ Schmelzer befürwortet also, dass Haftbefehl im Unterricht auftaucht. Eine didaktische – und kritische – Perspektive dürfe aber nicht fehlen.

 

TRAUMA, EXZESS, ARREST

Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan, ist 40 Jahre alt, hat aber schon ein bewegtes Leben hinter sich. Er wuchs als Sohn kurdisch-türkischer Eltern im Offenbacher Hochhausviertel Mainpark auf. Sein Vater nahm sich das Leben, als Aykut 14 Jahre alt war. Er begann um diese Zeit, Kokain zu konsumieren und wurde mit 15 Jahren zum ersten Mal zu Jugendarrest verurteilt. Sein Bruder Capo, ebenfalls Rapper, landete wegen Bankraubs vier Jahre im Gefängnis. Die Drogensucht Haftbefehls führte zum Zusammenbruch, 2022 war er klinisch tot. Heute ist er nach eigenen Angaben clean.

Seit 2016 ist Haftbefehl mit Nina verheiratet; das Paar hat zwei Kinder. Im Oktober 2025 wurde die von Elyas M'Barek produzierte Dokumentation Babo – Die Haftbefehl-Story ausgestrahlt.

 

KRASSE WORTE

Yo, was geht ab, Leute?
Haftbefehl, Echte Musik, AJ am Beat
16bars.de, gibt euch bös
(AJ)

[Hook]
Ich nehm' dir alles weg, die Schlüssel zu dei'm Haus
Die Bitch, die du liebst, den Mercedes, den du fährst
Ich nehm' dir alles weg und töte dein'n Bruder
Ja, du hast recht, das Leben ist nicht fair

[Part]
Elektroschocker direkt in dein'n Kafa
Haft zum Befehl ist der Ghetto-Baba
Was ist los, Mann? Das sind Flows, Mann
Hast du ein Problem, Cho? Ja, dann komm ran

Auszug aus Haftbefehls Song „Ich nehm dir alles weg“

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