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Schlafbedarf von Jugendlichen
Wenn der Wecker zu früh klingelt
Schlafforscher haben in einer Reihe von Untersuchungen herausgefunden, dass Jugendliche morgens mehr Schlaf brauchen. Müssen sie zu früh aufstehen, drohen gesundheitliche Schäden. Der Rat der Mediziner: Die Schule sollte unbedingt später als um acht Uhr beginnen.
Welcher Jugendliche kennt das Szenario nicht? Der Wecker klingelt mit der Kraft einer Sirene, gefühlt 45 Minuten nachdem man sich hingelegt hat. Am liebsten würde man das Folterinstrument mit der Axt entzweischlagen. Geht nicht noch ein Viertelstündchen?
Keine Faulheit
Genervte Eltern halten das Verhalten ihres Nachwuchses am frühen Morgen für pure Faulheit. Oder sie verd.chtigen ihre Kinder, nachts zu viel Zeit mit der Playstation verbracht zu haben. Beides stimmt aber h.ufig nicht. Teenager entwickeln sich, wie man inzwischen nachweisen kann, im Alter von circa 14 Jahren zu Sp.taufstehern, was ausschlie.lich biologische Gründe hat. „Wir haben in der Pubertät eine Zeitverschiebung in Richtung Spättyp", sagt der Schlafmediziner Alfred Wiater. Eigentlich habe jeder Mensch seine eigene innere Uhr, aber Pubertierende würden ab einem bestimmten Zeitpunkt zu reinen Nachteulen. Dafür sorgen umfangreiche Umbauprozesse im Gehirn, vermutlich auch Hormone. Abends liegen die Jugendlichen noch lange wach im Bett. Morgens müssten sie dann lÄnger schlafen, aber der frühe Schulbeginn verhindert das.
Gefahren für die Gesundheit
Wer müde im Unterricht sitzt, ist unkonzentriert, macht Fehler und leistet nicht das, was er eigentlich schaffen könnte. Dies ist schon schlimm genug, doch daneben gibt es auch ernstzunehmende Gefahren für die Gesundheit. Laut der Ärztin und Medizinredakteurin Veronika
Hackenbruch, die für das Magazin Der Spiegel mehrere internationale Studien einsah, hatten Schüler, deren Unterricht erst um neun Uhr statt um acht Uhr begann, durchweg bessere Noten. Au.erdem ern.hrten sie sich gesünder. Bei MÄdchen, die unter Schlafmangel litten, war nicht nur der Bodymass-Index höher als bei Gleichaltrigen, sondern auch der Blutdruck und der Cholesterinspiegel. Zu wenig Schlaf erhöht zudem das Risiko für Depressionen. Eine Untersuchung aus der Schweiz belegt, dass positive Effekte schon eintreten, wenn die Schule nur 20 Minuten sp.ter beginnt. Vor diesem Hintergrund hält Hackenbruch einen Schulbeginn um acht Uhr morgens für nicht mehr zeitgem...
Gleitzeit an Schulen
Viele Fachleute, auch Elterninitiativen, stoßen in dasselbe Horn, doch immer wieder werden Einw.nde und Ausreden vorgebracht. Rein medizinisch betrachtet wäre es mehr als vernünftig, nicht vor neun Uhr mit dem Unterricht zu beginnen. Inzwischen gibt es erste Modellversuche mit Gleitzeit an Schulen – und sie sind sehr erfolgreich. In Alsdorf bei Aachen,wo die sogenannte Dalton-P.dagogik eingeführt ist, können Gymnasiast*innen selbst bestimmen, ob sie zur ersten Schulstunde kommen oder nicht. Die Tage beginnen um acht Uhr mit Selbstlern-Zeiten. Schüler, die erst um neun Uhr erscheinen, können diese Zeiten zu einem anderen Zeitpunkt des Tages nachholen. Den Stoff arbeiten sie meist in Freistunden nach – stopfen so also ohnehin bestehende Lücken im Stundenplan. Auch eine Klasse im baden-württembergischen Plochingen testete einen flexiblen Schulstart. Zweimal pro Woche durften die Schülerinnen und Schüler entscheiden, ob sie regulär um 7.50 Uhr oder erst um 9.40 Uhr in die Schule kommen wollen. „Das Projekt ist für die Klasse und für mich ein Erfolg gewesen“, bilanzierte Till Richter, Deutschlehrer der Klasse. Vielleicht führen diese mutmachenden Versuche doch noch zu einer ernsthaften, ergebnisoffenen Diskussion über Schulzeiten in Deutschland?
„Die medizinische Evidenz, dass der ständige Schlafmangel Teenagern erheblichen
gesundheitlichen Schaden zufügt, ist inzwischen so überwältigend,
dass ein Schulbeginn gegen acht Uhr kaum noch zu verantworten ist.“
Veronika Hackenbroch,
Ärztin und Medizinredakteurin




